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Ökologisches Highlight direkt vor den Toren Stuttgarts – vor 35 Jahren wurde das Wiesental zwischen Freiberg und Pleidelsheim mit Altneckar und Baggerseen gerettet

Bürgerinitiative war Keimzelle für modernen Naturschutz

Neue Informationstafeln eingeweiht – Schulterschluss in Sachen Biotopmanagement und Umweltbildung
Scheinbar regungslos stehen Reiher am seichten Ufer, gemächlich schwimmen Krickenten, Stockenten und Gänse über den See. Während auf abgestorbenen Bäumen Kormorane ihre Flügel trocknen, fliegt ein türkisblau schillernder Eisvogel wie ein Pfeil nur wenige Zentimeter über das Wasser. Wäre es nach dem Willen von Kanalbauern gegangen, wäre diese Idylle im Herzen des Mittleren Neckartals gleich vor den Toren Stuttgarts, wie man sie heute an den mittlerweile als Naturschutzgebiet geschützten Baggerseen im Wiesental zwischen Freiberg und Pleidelsheim sowie am dortigen Altneckar erleben kann, schon vor 35 Jahren Geschichte gewesen. Planungen der damaligen Bundesschifffahrtsdirektion sahen vor, neben dem Neckarkanal, der sich von Freiberg-Beihingen bis zur Pleidelsheimer Schleuse erstreckt und aus dem Jahr 1910 stammt, ein gigantisches, doppelt so breites Kanalbauwerk zu errichten und den Erdaushub in die ehemaligen Baggerseen sowie den Altneckar zu verfüllen.
Jetzt erinnerten Landrat Dr. Rainer Haas (Landkreis Ludwigsburg) und Claus-Peter Hutter, Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International – und hauptamtlich Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg – an den erfolgreichen Kampf für das heute auch nach internationalem Recht als Fauna/Flora/Habitat-Gebiet geschützte Wiesental.

35 Jahre ist es jetzt her, dass beherzte Menschen die damalige Bürgerinitiative „Rettet die Talaue zwischen Freiberg und Pleidelsheim“ gründeten. „Es war der Beginn der modernen Naturschutzbewegung in der Region, denn über alle gesellschaftlichen Bereiche hinweg haben die Menschen zusammengehalten und für ihre Heimat gekämpft“, so Claus-Peter Hutter, der zusammen mit dem Pleidelsheimer Gunter Pfeiffer sowie den Marbachern Claus- Peter Herrn und Reinhard Wolf die Bürgerinitiative gründete. Naturschützer, Bauern, Fischer und Segelflieger hätten sich auf Gemeinsamkeiten statt Interessensunterschiede konzentriert und wurden gleichermaßen von den Gemeinden Freiberg, Pleidelsheim und Ingersheim sowie dem Landratsamt und den Landtags- und Bundestagsabgeordneten unterstützt, betont Hutter rückblickend.
Mit an vorderster Front habe sich auch der damalige Bundestagskandidat, spätere Bundesverkehrsminister und heutiger Präsident des VDA (Verband der Deutschen Automobilindustrie e.V.), Matthias Wissmann, für die Bewahrung der ökologisch so wertvollen Landschaft am einzig intakt gebliebenen Neckaraltarm zwischen Plochingen und Mannheim stark gemacht.
„Die Naturschutzgebiete Altneckar und Baggerseen Pleidelsheimer Wiesental bilden zusammen mit der gesamten Aue ein einmaliges ökologisches Highlight des Landkreises und sind Keimzelle für viele Naturschutzmaßnahmen am Neckar und im Kreisgebiet“, so Landrat Dr. Rainer Haas beim Vor-Ort-Termin, zu dem Aktive von damals ebenso gekommen waren wie Repräsentanten der verschiedenen Verbände sowie der beteiligten Gemeinden. Wenn sich mit der Verbesserung der Wasserqualität des Neckars und der Neuanlage und Vernetzung von Biotopen einst hoch bedrohte Arten wie Grau- und Nachtreiher, Haubentaucher und Seefrosch von Pleidelsheim aus wieder ausbreiten konnten, so ist dies nach den Worten des Landrats echtem Bürgersinn und ökologischer Weitsicht der Aktiven zu verdanken. Besonders hob der Landrat hervor, dass die Kernmannschaft der Bürgerinitiative ihr Engagement nicht eingestellt habe, als die Pläne für den gigantischen Kanalausbau beerdigt wurden. „Sie haben sich nicht nur um die Natur vor der eigenen Haustür gekümmert, sondern ihr Wissen und ihre Erfahrung in eine Vielzahl anderer, heute als Vorzeigemodelle geltender Projekte eingebracht“, sagte Haas.

Es sei auch für die weit über die Kreis- und Landesgrenzen hinaus reichende gesellschaftliche Bedeutung des Wiesentals bezeichnend, dass aus Teilen der einstigen Bürgerinitiative die heute unter anderem in Südostasien und Südafrika engagierte Stiftung NatureLife-International sowie die Euronatur-Stiftung und der Regional- sowie Kreisverband des BUND hervorgegangen seien.

Biotopmanagement wird verstärkt
Trotz vieler Erfolge, die von Pleidelsheim ausgegangen seien, muss nach Ansicht von Claus- Peter Hutter weiter mit Nachdruck für die Erhaltung des heimischen Naturerbes gekämpft werden. Der starke Siedlungsdruck durch die immer noch anwachsende Bevölkerung im Kreis Ludwigsburg und das geänderte Freizeitverhalten der Menschen mit zunehmender Respektlosigkeit vor Schutzzonen erzeuge einen immer größeren Druck auf die schwindenden Naturrefugien und letzten Freiflächen der Region.
NatureLife engagiere sich deshalb für verstärkte Umweltbildung und Naturerziehung für Kinder und Jugendliche sowie für die landschaftsökologische Aufwertung der Neckaraue mit entsprechender Biotopvernetzung. So konnten die Stiftungen NatureLife und Euronatur den Bau einer Beobachtungsplattform am künftigen Naturreservat Zugwiesen bei Poppenweiler ermöglichen und eine Kette kleinerer und größerer Schutzgebiete entlang des Neckars als auch der Zuflüsse Murr und Bottwar sowie im Mettertal anlegen und betreuen. Unterstützt wird NatureLife dabei auch von der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden- Württemberg. Im Mittelpunkt stehen Pflegearbeiten, das Monitoring der Gebiete und insbesondere Jungendprojekte. Zusammen mit dem Vorstandssprecher der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg, Dr. Wolf-Dietrich-Erhard, stellte C.-P. Hutter die jetzt erfolgreich angelaufene Initiative Neckar-Junior-Ranger vor. Dabei sollen im Laufe von drei Jahren mindestens hundert Jugendliche als künftige junge Botschafter für einen lebendigen Neckar zwischen der Quelle bei Villingen-Schwenningen und der Mündung des Flusses in den Rhein bei Mannheim an die Natur herangeführt werden. Im Rahmen des auch von Daimler unterstützten Projekts wurden an der Beobachtungsplattform der Pleidelsheimer Baggerseen neue Beobachtungs- und Bestimmungstafeln eingeweiht.

Sie wurden neben der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg auch von der Hofbräu Umweltstiftung, der Erwin-Warth-Stiftung sowie Strenger Bauen und Wohnen ermöglicht und sind Teil eines Informationsverbundes, zu dem auch andere von NatureLife betreute Gebiete gehören.
Seit 2010 engagiert sich die Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg im Biotop- Management im mittleren Neckartal. Der Vorstandssprecher der Stiftung, Dr. Wolf-Dietrich Erhard: „Für die Stiftung Energie & Klimaschutz sind die Naturerlebniswelten wichtige Meilensteine, um praktischen Naturschutz mit der Schaffung von Umweltbewusstsein zu verbinden.“ Die Stiftung engagiert sich durch die Einrichtung und den Erhalt von Biotopen am Neckar für den Klimaschutz und will das Thema besonders bei jungen Menschen nachhaltig verankern.
Der gesetzliche Schutz von Tieren und Pflanzen sowie deren Lebensräume sei das Eine, die konkrete Realisierung das Andere: Ohne konsequente Umsetzung der Ziele des Naturschutzes, der Umweltvorsorge und der nachhaltigen Entwicklung in der Praxis verlören wir nicht nur Biodiversität, sondern auch Heimatidentität, Umwelt- und Lebensqualität, so NatureLife-Präsident Claus-Peter Hutter. „Deshalb brauchen der Neckar und das Neckartal eine Politik der Spatenstiche statt ständig neuer Pläne und Studien. Dafür ist umfassendes finanzielles Engagement von Land und Kommunen erforderlich“, so Hutter.

Hintergrund zum Kampfplatz Natur im Pleidelsheimer Wiesental
  • Nach 1945 entstanden im Zuge der Neckarkanalisierung mehrere Baggerseen in der Talaue.
  • Bis auf das heutige Naturschutzgebiet „Pleidelsheimer Wiesental“ wurden diese leider wieder verfüllt.
  • Erstmals machte in den 1960er Jahren Prof. Dr. Claus König (Ludwigsburg) auf den hohen ökologischen Wert und das Vorkommen seltener Tierarten aufmerksam. Die noch vorhandenen Baggerseen wurden als „Lebensräume aus zweiter Hand“ zunächst 1965 und dauerhaft 1977 als Naturschutzgebiet ausgewiesen.
  • 1974 sollten die Baggerseen ebenso wie der angrenzende Altneckararm aufgefüllt werden. Die Bundesschifffahrtsverwaltung wollte in der Talaue einen groß dimensionierten Schifffahrtskanal neben dem jetzigen, später nur leicht erweiterten Kanal realisieren.
  • Die Bürgerinitiative „Rettet die Talaue“ zwischen Freiberg und Pleidelsheim verhinderte zusammen mit den Gemeinden Freiberg a.N., Ingersheim und Pleidelsheim sowie dem Landratsamt Ludwigsburg die Pläne. Initiatoren: Claus-Peter Herrn (Marbach a.N.), Claus-Peter Hutter (Benningen a.N.), Gunter Pfeiffer (Pleidelsheim), Reinhard Wolf (Marbach a.N.).
  • Der Altneckar wurde 1979 als Naturschutzgebiet gesichert. 1999 sollte ein gigantisches Brückenbauwerk zur Ortsumgehung von Pleidelsheim über die Talaue gebaut werden. Die wiederbelebte Bürgerinitiative konnte zusammen mit den Umweltverbänden das Projekt verhindern.